Karriere im Schnelldurchlauf.

Ich habe bereits einen Blogpost darüber geschrieben, wie viel Druck auf Schülern lastet, die ihr Abi erreichen wollen. Jetzt geht es um ein ganz ähnliches, aber doch anderes Thema. Meine Mutter hatte mit 16 ihren Realschulabschluss, was zu „damaligen“ Zeit der Durchschnitt war und sie fing direkt danach ihre Ausbildung an. Währenddessen verdiente sie natürlich bereits ihr eigenes Geld und hatte trotzdem noch genügend Freizeit.

Heute ist das meines Erachtens alles etwas anders. Der Durchschnitt der Schulabschlüsse hat sich deutlich nach oben verschoben. Viel mehr Schüler als zuvor machen ihr Abitur/ Erreichen die allgemeine Hochschulreife und planen zu studieren. Das wirkt sich nicht nur darauf aus, dass viele Ausbildungsberufe rar werden, sondern es übt auch einen unheimlichen Druck auf die Schüler aus, die glauben ohne ihr Abitur nichts mehr erreichen zu können. Ich persönlich war (wie viele andere Schüler) kurz vor dem Abitur seelisch und körperlich am Ende, da der Stress sich durch tägliche Bauchschmerzen und ständiges Unwohlsein bemerkbar machte.

Die eigentlichen Abiturprüfungen waren in meinem Abiturjahrgang (2014) glücklicherweise machbar und ich hoffe, dass sie auch dieses Jahr so fair werden. Allerdings fielen viele nach den Prüfungen durch den plötzlichen Abfall des Stresses in ein Loch. Das geschah nicht sofort danach, denn es wurde gefeiert, wie ich es zuvor noch nie erlebt hatte, aber nach 2 Monaten lernen hatte man einfach keine Aufgabe mehr. IMG_1282

Ich hatte Jahre auf dieses Ziel Abitur hingearbeitet, weil es so unmöglich, so unerreichbar schien, dass ich mich gar nicht damit beschäftigt hatte, was danach passieren sollte. Was sollte ich denn jetzt tun wo quasi ein Meilenstein in meinem Leben erreicht war? Ich hatte keine Idee und ich bin mir sicher, dass es vielen Anderen genau so ging.

Ich finde man hätte (zumindest an meiner ehemaligen Schule) viel mehr für die Orientierung der Schüler und Vorbereitung leisten müssen. Dies hätte beispielsweise in Form von Berufsberatungsgesprächen geschehen können. Allerdings scheint das einzige Ziel des deutschen Bildungssystems zu sein möglichst viele Schüler in geringstmöglicher Zeit durch die Schule zu scheuchen, wie Fabrikate in maschineller Abfertigung, um möglichst wenig Geld an diesen ach so unwichtigen Teil der Gesellschaft verschwenden zu müssen.

26 Kommentare zu „Karriere im Schnelldurchlauf.

Gib deinen ab

  1. Schüler kosten Geld, deswegen kann ein System, das sich stark nach der Ökonomie richtet auch nicht anders, als schnellstmöglich diesen Kostenpunkt los zu werden. Das ist natürlich überspitzt, aber eben leider auch nicht ganz von der Hand zu weisen…Schule sollte eine allgemeine Grundlage schaffen und den Schülern die Möglichkeit geben, danach durch einen offenen Geist eigene Entscheidungen zu treffen. Wenn man dann in der Uni die Erstsemester kennenlernt, stellt man fest, dass dieses nicht passiert ist. Schade.Gib dir selbst ein wenig Zeit. Frage dich, was du gern machst und wo du dich wohl fühlst. Warum fühlst du dich dort wohl und all diese Punkte schreibst du dir auf und überlegst mal, ob es nicht Jobs gibt, die dir so eine Atmosphäre geben können.

  2. Hallo Sophie,
    du schreibst, dass Du letztes Jahr Dein Abi gemacht hast. Mein Sohn ist jetzt 12 und geht auf die Gesamtschule. Einen gewissen Lerndruck kann ich auch schon feststellen. Was mich vielmehr beunruhigt ist die scheinbare Verrohung der Sitten. Zu meiner Schulzeit (ich bin jetzt 40) gab es noch viel mehr Zusammenhalt und Freundschaft unter den Schülern. Bei meinem Sohn stelle ich fest, das es kaum noch echte Freundschaften gibt sondern vielmehr ein Messen an Statuswerten. Wer hat das teuerste Handy? Wer hat die beste Spielkonsole. Wer nicht mithalten kann, wird gedisst. Das ist etwas, was mir große Sorge macht da ich meinem Sohn versuche zu erklären, das man nicht jeden Trend mitleben muß. War es bei Euch an der Schule auch so?

    1. Die Gesamtschulen erinnern mich persönlich an das Polytechnische Schulsystem der DDR. In meiner West-Generation, waren wir freier. Bei uns war das individuelle wichtiger. Wir hatten fiese Lehrer, aber wir waren uns alle einig, dass Leser meistens feindlich sind. Unsere Eltern waren unsere Vorbilder. Die wenigsten wollten so werden wie die. Der größte Teil meiner Generation kann gar nicht mehr den selben Lebensstandard der Eltern im vergleichbaren Alter erreichen. Also kann Eure Generation nur gewinnen. Der Staat hat auf veränderte soziale und wirtschaftliche Zustände zu reagieren. Schülern in Deutschland muss mehr Freiheit und Selbstbewusstsein zurück gegeben werden. Lasst Euch nicht instrumentalisieren. Es gibt ein Leben vor der Rente!

      Mir hat Dein Artikel gut gefallen. Dafür vielen Dank!

  3. In der Schweiz geht das mit der Berufsvorbereitung schon sehr früh los. Man kann/resp. muss Berufe schnuppern gehen, besucht die Berufeberatung usw. Echt jetzt, gibts das in Dtld. so nicht? Krass.
    Hierzulande hat die Berufslehre noch einen höheren Stellenwert, zum Glück, doch leider ist der Trend zu „alle müssen Matura machen“ auch immer stärker geworden. Dabei braucht es doch einfach alle, und nicht alle sind zur Schule und zum Studium geboren.
    Eine Entwicklung, die ich sehr bedenklich finde. 😦

    1. Doch, heute sind Praktika Pflicht an der Schule, selbst in der Mittelstufe im Gymnasium. Meiner Meinung nach könnten es aber gerne noch 1, 2 Praktika mehr sein, damit mehr Einblicke ins Berufsleben gewährleistet werden können.
      Viele Grüße,
      Angelina

  4. Scheinbar ist Leistung das wichtigste.
    Dafür ist Schule ja auch die perfekte Vorbereitung – man wird perfekt darauf vorbereitet, schön leistungsfähig zu sein.
    Denn nur wenn man etwas leistet, ist man auch etwas wert.
    versteht sich ja auch von selbst.
    (hoffe man kann die Ironie nicht überlesen…)

  5. Ich kann mich dir nur anschließen. Ständig bekomme ich mit, wie Schüler nach ihrem Abschluss einfach überhaupt keine Perspektive haben und nicht wissen, was sie nun tun sollen.
    Mir ging es auch so, als ich nach Nichtbestehen der 11. Klasse (G9) die Schule abgebrochen habe. FSJ und danach… Ich hatte keine Ahnung.
    Da sollte in den Schulen wirklich von Anfang an viel mehr getan werden!

  6. Schule wird durch diesen Stress zu einem Horror gemacht.Daher auch der schlechte Ruf.Aber ich finde,dass auch in der 8.Klasse der Druck schon unbeschreiblich stark ist.Ich habe großen Respekt vor den Abiturienten!Ich weiß nicht welchem Stress man da erst ausgesetzt ist!Aber auf die Zeit danach freue ich mich schon 🙂

  7. Ich habe zum Glück mein Abi noch innerhalb von 13 Jahren gemacht. Das fand ich schon stressig, aber auch okay. In 12 Jahren das Ganze „durchzuprügeln“ finde ich total sinnlos. Dazu kommt noch, dass es auf Haupt- und Realschule wenigstens ein paar leicht handwerklich Fächer wie Werken, Textil oder Kochen gab. Das alles gab es auf dem Gymnasium nicht. Warum eigentlich nicht? Ist es für Abiturienten unwichtig, einen gewissen Einblick in die Hausarbeit zu bekommen? Oder ins Handwerk? Ich finde das ist extrem wichtig, denn nur so kann auf das Leben vorbereitet werden. Auf einmal ist man 18, auf einmal hat man den Schulabschluss und zieht evtl von zuhause aus. Aber dann steht man da, ohne Plan (außer, wenn einem die Eltern alle wichtigen Dinge beigebracht haben). Und was passiert, wenn die erste Steuererklärung kommt? Die ersten Verträge etc? Ich finde sowas sollte in der Schule auch mal seinen Platz finden. Natürlich kann die Schule nicht das ganze Leben erklären. Aber ein bisschen Hilfestellung wäre sicher nicht verkehrt!

    Aber auch an alle, die sich damit so viel Stress machen: Am Ende lacht ihr darüber, was ihr vorher als „Abiturmonster“ gesehen habt. Lasst euch nicht so viel Angst machen, das schafft ihr schon! 🙂

    1. Hallo! Ich habe mein Abi in 12 Jahren gemacht und fühlte mich nicht durchgeprügelt. Ich empfand es eher abwegig, sein Abitur noch ein Jahr nach hinten zu verschieben.
      Aber du hast schon Recht, Handwerkliches oder lebensntzliche Dinge wie Verträge abschließen oder ähnliches lernt man selten bis gar nicht und mit 18/19 steht man dann da und fängt von vorn an mit Lernen und Erfahrungen machen.

      Und das stimmt, das Abi ist im nachhinein ein Klacks, der sicher zu schaffen ist. Dieser Druck ist meines Erachtens ehr provoziert, als das er nützt.

  8. das war leider auch schon zu meiner zeit vor mittlerweile erschreckenden 10 jahre, als ich maturiert habe, ein ganz großes problem. ein riesiges angebot an studienrichtungen aber keinerlei orientierung über das reale leben… ich drücke dir die daumen, dass du deinen weg findest!

  9. Hey! Das ist ein Thema, was für mich schon 8 Jahre her ist. Und ich kann es nachvollziehen, denn ich fiel auch in so ein Loch, aber nicht lange, denn ich hab schon im Herbst darauf angefangen zu studieren. Im Nachhinein hätte ich aber durchaus dieses Loch gebrauchen können, denn viele Entscheidungen trifft man viel zu schnell und unüberlgt.
    Also genieß es eher und lass dich dahin treiben in diesem Loch, wohin du auch später willst.
    Dieser Stress ist schon heftig, aber Leistung war auch früher schon wichtig. Jetzt fehlt eher so der Zusammenhalt und der Status ist in den Vordergrund gerückt.

  10. Hallo! Ich kann dich gut verstehen, so war es bei mir auch. Bei uns gab es allerdings Studientage, Berufsinfoabende, Praktikawochen…Bei euch nicht? Ich wusste danach dann zwar trotzdem nicht was ich machen will, aber jetzt bin ich doch einigermaßen zufrieden. So wie es schon mehrere vor mir gesagt haben: Mach dir erstmal kein Stress und überleg dir was du machen willst, in so einer Leistungsgesellschaft wird es meistens nicht besser und dann sollte man schon etwas machen, dass man mit sich vereinbaren kann. 🙂

  11. Das soziale Miteinander, welches man nur im täglichen Umgang mit anderen Menschen lernt, kommt meines erachtens zu kurz bei vielen Gymnasiasten. Mein Sohn hat nicht die Freizeit, die ich vor fast 30 Jahren hatte. Und diese Zeit verging zu schnell. Wie schnell vergeht dann seine? Pauken Pauken…wie will man da den richtigen Weg finden? Ich finde unser Bildungssystem in einem der führenden Industrienationen ganz schön erbärmlich.
    Oder sehe ich das falsch?

    Toller Blog 🙂

    Frank

  12. Bin ebenfalls gerade vorm Abitur. (bei uns in Österreich: Matura)
    Wenigstens weiß ich jetzt, dass ich nicht alleine bin mit diesem Problem der völligen Überarbeitung.
    Und zu dem was du beschreibst kann ich nur meine Zustimmung kundtun.
    LG

  13. Leider wird es unter Umständen später nicht besser, je nachdem was für eine Karriere (oder ob überhaupt eine Karriere?) man verfolgt. Meiner Ansicht nach gibt es zwei Möglichkeiten:
    – etwas zu finden, was einem Spaß macht – und da stolpert man manchmal auch eher zufällig drauf. Ein Weg muss ja nicht gerade sein, man kann abbiegen, kreuzen, Umwege nehmen – solange man geht, wird sich etwas entwickeln.
    – man kommt zu der Entscheidung, dass Beruf nicht alles ist und legt seinen Fokus auf private Interessen, Familie etc.
    Im besten Fall kommt beides zusammen, aber unter Druck passiert meistens nichts, was zu Zufriedenheit führt.
    Alles Gute auf Deinem Weg 🙂

  14. Hey, sehr guter Beitrag.
    Mache nächsten Monat mein Abi und sehe in meiner Stufe wie der Großteil sich so sehr unter Druck setzt um das Abi zu schaffen. Fragt man sie was sie nach dem Abi vorhaben, erfährt man, dass die Meisten noch keine Ahnung haben. Meiner Meinung nach wird das Abitur überbewertet. Es entsteht ein extrem großer Druck auf die Schüler, die denken, dass man ohne Abitur heute nichts mehr erreicht. Dabei gibt es wie ich finde deutlich wichtigere Eigenschaften und Fähigkeiten die ein Mensch haben sollte, die jedoch nicht ausreichend in der Schule vermittelt werden.

  15. Schon 1989 hatte ich nach dem Abi von nichts ne Ahnung … Zum Beispiel, dass man sich arbeitslos melden muss, solange man nicht studiert und solche Sachen. Ich erinnere mich auch noch an soclhe Dinge wie Krankenversicherung (ohne da jetzt noch im Kopf zu haben, was man da tun muss) etc. pp.

    Ich finde nach wie vor: So was wie Lebenstüchtigkeit (oder wie immer man das nennen will) sollte ein Teil von Gemeinschaftskunde oder so werden. Eltern können einem meist nicht so gut helfen und zweitens fragt man sie in dem Alter oft nicht so gern.

  16. Angsttraum

    Als ich früher unter einem starken beruflichen Leistungsdruck stand, träumte ich immer wieder, kurz vor den Matura-Prüfungen zu stehen (Matura = Reifeprüfung in der Schweiz). Die Selbstverwirklichung im Beruf war mir überaus wichtig, fast zu wichtig. Noch heute(!) träume ich manchmal davon, eine Diplomarbeit über statistische Auswertungen fertigstellen zu müssen. Ich suche verzweifelt nach meinen Entwürfen und Unterlagen. Auch schon habe ich geträumt, dass eines meiner Manuskripte bei einem Verlag in München verschollen sei.

  17. Ein guter Artikel. Viele würden sich vermutlich in einem Ausbildungsberuf wohler fühlen als an der Uni. Irgendwas praktisches machen statt in Vorlesungssälen sich trockene Vorträge anhören.

  18. Hallo Sophie,

    danke für dein like! Deiner Spur bin ich nun gefolgt und finde diesen Beitrag sehr ehrlich. Bleib bitte so ehrlich mit dir selbst im Leben! Gleichzeitig hast du mir geholfen, die heutigen Abiturienten besser zu verstehen. Als ich noch in einer Schulbibliothek arbeitete und viel mit Jugendlichen zu tun hatte, war ich immer ganz frustriert, weil viele überhaupt keinen Plan hatten, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen. Ich bin aber nie darauf gekommen, dass es einfach der große Abi-Stress ist, der sich wie eine unüberwindliche Mauer auftürmt, die man erstmal überwinden muss. Das kann ich nun verstehen.
    Anbei noch ein kleiner Tipp: Ihr könnt die Berufsberatung für die nachfolgenden Abiturienten auch selbst in die Hand nehmen. Abiturienten aus dem Gymnasium, an dem ich arbeitete, haben genau dies getan und eine Art Berufs- und Studienmesse organisiert. Für einen Tag wurden Stände in der Trunhalle aufgebaut, an denen ehemalige Schüler den jetzigen alles über ihre Berufe bzw. Studiengänge erklärten. Das wurde schließlich sogar gefördert. Für die „Ehemaligen“ war es gleichzeitig wie ein Klassentreffen und die „Jetzigen“ fanden es toll.

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