Beziehungen – Drama um das sinkende Schiff.

Wie oft werden die Jugendlichen unserer Zeit als „Generation beziehungsunfähig“ oder Technik-geschädigt bezeichnet? Wie oft liest man Artikel über dieses Thema? Wie oft habt ihr schon ältere Menschen sagen hören, dass die Beziehungen heute doch gar nichts mehr wert sind? Jeden Tag erscheinen neue Artikel darüber, dass uns die moderne Technik mit ihren sozialen Netzwerken sozial eher behindern anstatt uns zu helfen und selbst ich habe bereits einen Beitrag verfasst. Doch wie ist diese Aussage entstanden? Gibt es tatsächlich Gründe, die dafür sprechen, dass wir beziehungsunfähig sind? Kann man dabei pauschal von unserer gesamten Generation sprechen?

Im Zusammenhang mit den Problemen unserer Generation wird immer wieder die Tatsache genannt, dass unsere Zeit schnelllebig ist, die immer wandelnde und ständig verbesserte Technik ändere demnach auch unsere Einstellung. Das neueste Smartphone wird auf die günstigste Art erworben, mit einfachem Preisvergleich im Internet, und spätestens nach einem Jahr durch die neuere Form ersetzt.

Wieso sollte sich eine Reparatur lohnen? Wenn ich bei den Spottpreisen doch einfach das neuste Modell erwerben kann? Wieso sollte ich mich auf ein Modell festlegen, wenn ich doch gleich mehrere ausprobieren kann? Es geht immer besser, schneller, weiter. Genauso ist es mit den Beziehungen. Wieso an einer Fernbeziehung festhalten, obwohl sie schön ist, wenn ich immer wieder beim Abschied verletzt werde. Es ist doch deutlich einfacher und weniger schmerzvoll mit dem Kommilitonen etwas anzufangen, der quasi nebenan wohnt.

Frabenspiel

Ein weiterer Vergleich, der zwischen dem Internet und der eventuellen Beziehungsunfähigkeit gezogen werden kann, ist der Grund, dass wir durch einfache Wegbeschreibungen im Internet spontan an jeden Ort kommen können. Wenn ich heute per Handy einen Flug buche, kann ich schon morgen an das andere Ende der Welt kommen oder eine ganze Weltreise beginnen. Gerade als Student könnte man theoretisch mitten im Studium auf unbegrenzte Zeit wegfahren und erst zurückkommen, wenn man all das gesehen und erlebt hat, was man möchte. Flexibilität auf diesem hohen Niveau bringt uns jedoch auch dazu, uns auf nichts festlegen zu wollen, keine endgültigen Entscheidungen zu treffen. Wieso eine feste Beziehung, wenn ich ab morgen für einen unbegrenzten Zeitraum nach Australien fliege? Uns zu entscheiden und für immer festzulegen fällt uns schwer und das lässt sich kaum bestreiten.

Gerade im Hinblick auf mein BWL Studium ist mir ein weiterer Punkt aufgefallen, der möglicherweise dazu beiträgt, dass unsere Generation stärkere Bindungsängste besitzt, als vorherige Generationen. Wer die Bedürfnispyramide nach Maslow kennt, der weiß , dass der Mensch verschiedene Bedürfnisse hat, zum Beispiel nach Sicherheit, sozialer Anerkennung und unter Anderem Selbstverwirklichung. Da wir in relativ großem Wohlstand leben und es uns weitestgehend möglich ist, unseren beruflichen und sozialen Wünschen nachzugehen, können wir sehr gut die meisten Bedürfnisse stillen.

Ein Bedürfnis können wir aber durch Geld und Freunde nicht befriedigen, und zwar die Selbstverwirklichung. Daher versuchen die meisten deutlich länger und deutlich intensiver herauszufinden, wer sie sind und was sie erreichen wollen,  ob durch Reisen, das Ausprobieren in verschiedenen Jobs und generell viele Veränderung im Privatleben. In solche Pläne passt jedoch kein Partner oder eine Partnerin.

Insgesamt lassen sich also schnell verschiedene Gründe finden, die dafür sprechen, dass es schwieriger für Jugendliche unserer Generation ist, sich zu binden. Jedoch sind Verallgemeinerungen und Pauschalisierungen immer als kritisch zu betrachten, denn tatsächlich gibt es auch in unserer Generation Traumpaare, die seit langer Zeit zusammen sind und das wahrscheinlich bleiben.

15 Kommentare zu „Beziehungen – Drama um das sinkende Schiff.

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  1. Es hört sich im Mittelteil so an, als hätte die heutige Flexibilität keine Grenzen oder Konsequenzen. Klar kann ich mein Studium unterbrechen und mit Travel und Work erstmal die Welt bereisen und kennen lernen. Nur wenn ich wieder komme, stehe ich am selben Punkt. Das Studium ist nicht wieder gekommen ohne mich.

    Aber ich kann deinen Gedanken trotzdem verstehen. Was du grade beschreibst, lässt sich in einem Begriff wieder finden: Multioptionsgesellschaft.

    Bei Interesse kann ich folgendes Buch empfehlen:
    Gross, Peter (1994): Die Multioptionsgesellschaft.

  2. Liebste Sophie!
    Passt nicht ganz zu dem Blogeintrag,aber : Willst du uns nicht besuchen kommen damit wir mal ein (bis mehr) Bier zusammen trinken können? Verspüre mit jedem deiner Posts ein größeres Bedürfnis!
    Nadine

  3. Guter Artikel! Die Kritik ist ganz sicherlich berechtigt, aber in der Bedürfnispyramide stehen soziale Bedürfnisse immer noch vor den Selbstverwirklichungsbedürfnissen und alles, was der Mensch für sich selbst macht. Ich denke ohne Liebe (die auch Sicherheit erzeugen kann) und echten, eye to eye, körperlichen Kontakt kann der Mensch nicht leben. Und letztendlich würde man doch bei der ultimativen Wahl zwischen Computer und Freund das letztere wählen. Zumindest hoffe ich, dass das bei allen zutrifft.

  4. Ich sehe einerseits das Problem, das Du beschreibst. Andererseits hab ich gerade im Netz FreundInnen gefunden, die ich sonst nie und nirgends kennengelernt hätte. Mit diesen Leuten erlebe ich ein Miteinander, das kein Dorf- oder Elternabend je liefern könnte.

  5. Ich kenne aus unserer Generation viele langjährige Beziehungen. Vielleicht gibt es gerade durch die Schnelllebigkeit das Bedürfnis nach einer Konstante im Leben.

  6. Toll 🙂
    In einer Vorlesung hatten wir zwei Wochen unter dem Stichwort „Soziodynamik in der Postmoderne“ damit verbracht und Du fasst all das auf einer geschätzten A4-Seite zusammen. Gut, wir hatten mehr Theorie-Bauteile drin, aber im Wesentlichen: 1:0 für Dich. Und ein Zusatzpunkt für Vorurteil-Widerlegung (von wegen, wenn man drin steckte, veröre man die Übersicht).

  7. Super Beitrag! Ich glaube einen Seelenverwandten/Partner zu finden, genauso schwierig ist, wie die Selbstbestimmung an sich. Sieht man den Partner nicht als Besitz und schenkt man der Liebe Freiheit, so wird die Bindung über den Tod hinaus bestehen. Beste bindende Grüße MILA

  8. Guter Beitrag.

    Allerdings glaube ich auch, dass Beziehungen damals wegen sozialer Zwänge einen anderen Verlauf hatten. Es wurde schneller geheiratet, und Scheidungen waren verpönt. „Unzufiredenheit in der Ehe“ war da evtl. ganz normal und kein Grund für eine Scheidung.

    Von dem her haben wir uns etwas weiterentwickelt. Aber ich finde, wir sind da auch etwas über das Ziel hinaus geschossen. Wieso und wie sich das äußert, beschreibt der Artikel sehr gut.

  9. Es kommt aber doch sehr darauf an, wie man „Beziehung“ definiert. Wenn es das klassische Modell sein soll, bei dem die Partner im Idealfall aus ihrer Sicht 24 Stunden am Tag zusammenkleben und nur gemeinsame Freunde und Hobbies haben dürfen, wird das nicht gehen. Aber das Modell hat ohnehin nie gut funktioniert 🙂

  10. Ich sehe das recht ähnlich und muss sagen, dass selbst, wenn man sich mal festlegen möchte die Möglichkeiten man visuell, auditiv und auch emotional teilweise so vom Angebot einer Kultur und Kommunikationsgesellschaft überrannt wird, dass man gar nicht mehr weiß, wohin genau man sich drehen soll, um endlich sein eigenes Ziel zu erreichen. Weniger ist manchmal mehr. Der Mensch ist nicht gemacht dafür am Tag geschätzte 180 Mal aufs Smartphone zu gucken. Sozial isoliert in der U-Bahn Musik zu lauschen und ohne andere den Weg zu finden. (Ich habe es absichtlich ein bisschen spitz formuliert). War damals und ich bin 23 wirklich alles besser mit mehr vorgegebener Richtung? In Japan und anderen asiatischen Ländern ist die Technik noch weiter integriert in die Gesellschaft und hat in Großstädten die Menschen auseinander getrieben. Man findet sich zwar in Chatrooms wieder und kann per Messenger Sprachnachrichten verschicken. Aber das Gefühl jemanden zu umarmen den man von ganzem Herzen schätzt und von dem man meint ihn durch nichts in der Welt ersetzen zu können ist durch nichts zu ersetzen.

    Check out my blog:
    https://joggingthroughfog.wordpress.com/

  11. Guter Beitrag. Nun, früher haben viele die Ehe als eine Versorgungs Gemeinschaft angesehen. Und an Scheidung zu denken war für viele aus finanziellen Gründen nicht möglich. Mir fällt eine Anekdote ein: „Sie sind über 50 Jahre verheiratet. Was reizt Sie noch an Ihrer Ehefrau?“. Der Ehemann mit gereizter Stimme:“Alles!Alles!Alles!!!“

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