„Als Musik noch richtig groß war…“ Teil 2

Wer in oder vor den 90-er Jahren geboren wurde, wird möglicherweise wissen, was es bedeutet, wenn ich davon schreibe, dass viele Dinge in der heutigen Zeit an Wert verlieren, weil sie für selbstverständlich gehalten werden. Wer hat nicht als Kind Musik aus dem Radio oder dem Fernseher mit Sprachaufnahmen auf dem Diktiergerät aufgenommen und war stolzer Besitzer, wenn die Aufnahme einwandfrei war?

Wie war es denn „früher“? Mit früher meine ich natürlich nicht das Mittelalter, sondern ungefähr die 70-er. Eine Zeit, in der Internet, Smartphones und Abonnentenzahlen noch keine Rolle gespielt haben. Wie wichtig war die Musik den Menschen? Man konnte es sich natürlich einfach machen und Radio hören, ob dann natürlich die eigenen Lieblingslieder oder absoluter Unsinn lief, ließ sich damals wie heute natürlich nicht beeinflussen. Wer jedoch einen außergewöhnlichen oder gar wählerischen Musikgeschmack hatte musste Wohl oder Übel die Musik käuflich erwerben. Das ging natürlich nicht mit einem Klick, man musste dafür tatsächlich das Haus verlassen. Heute kaum vorstellbar oder?

Nein ernsthaft: Wer bestimmte Lieder oder Alben hören wollte, musste in den Laden gehen und sich über die Musik informieren, überlegte wahrscheinlich dreimal, ob der Kauf wirklich sinnvoll ist. Natürlich ist das keine Zumutung. Aber wenn man bestimmte Vorstellungen hatte und die Lieder möglicherweise nicht überall erhältlich waren, dann musste man richtig stöbern und sich mit dem Thema beschäftigen, seine eigene kostbare Zeit darauf verwenden. Wenn man dann das gute Stück erwirbt, ist man natürlich stolz und schätzt den Gegenstand umso mehr.

Die große Alternative: Live-Musik. Gute Qualtität, tolle Atmosphäre und deutlich mehr Spaß. Das war „damals“ wahrscheinlich eine üblichere Maßnahme.

Wenn wir weiter in der Zeit springen, sagen wir in das Jahr 2005, dann hat sich doch schon einiges verändert. Zur eigenen Inspiration habe ich mir meinen alten MP3-Player mp3playerherausgesucht. Ein einfacher blauer, batteriebetriebener MP3-Player. Inhalt: 29 Lieder, gefühlte 80 Prozent Christina Stürmer und ansonsten Lieder wie „I Like To Move It“ oder „Banaroo“. Ja, mein Musikgeschmack war ausbaufähig. Wenn man jedoch mal von der geringen Auswahl an verschiedenen Genres absieht (wahrscheinlich habe ich mir eine CD auf den Player gebrannt) ist es doch überraschend, dass ich mit 29 Liedern, die ich noch immer alle auswendig kenne, ausgekommen bin. 29 Lieder – alleine auf meinem iPod, habe ich mindestens das 10-fache an Liedern, dazu kommen Lieder auf dem Smartphone, dem Laptop und einigen CDs.

Das bedeutet doch, dass früher deutlich mehr wertgeschätzt werden musste, welchen Preis die einzelnen Lieder haben. Man konnte nicht mal eben bei Spotify quasi alle Lieder, die erhältlich sind, hören. Was sind heute schon 29 Lieder? Das höre ich mir heute eine Woche lang an und dann wird es durch die nächste Playlist ersetzt. Ich kann bei der App „Deezer“ die Musikrichtungen angeben, die mir gefallen und gratis Vorschläge bekommen, welche Musik mir gefallen könnte. Ich kann einen „Flow“ starten und es wird automatisch eine Liste von Liedern zum anhören generiert und mit einem Klick und ohne jegliche Mühe lerne ich Musik der verschiedenen Genres kennen. Kein Aufwand, viel Nutzen. Wann auch immer ich möchte kann ich mit einem Klick über bspw. Youtube Converter alle möglichen Lieder sogar gratis herunterladen. Die legale kostenpflichtige Version: iTunes, wobei hier ebenfalls teilweise Musik zum Niedrigpreis verschleudert wird.

Mein Fazit: Musik ist auf jeden Fall heutzutage leichter erhältlich und ich kann jederzeit fast jedes beliebige Lied hören – nicht einmal unbedingt kostenpflichtig. Der Wert der eigentlichen Musik, des geschriebenen und gesungenen Liedes sinkt dabei sicherlich bei einigen Menschen, die es nur noch als ein Produkt betrachten. Für Musik-begeisterte Menschen ist der Wert wohl trotzdem gleich geblieben. Wer sich informiert ist eben immer noch besser dran.

Jonas Amelong und ich haben einen besonderen Bezug zur Musik, weshalb wir beide zum Thema einen Blogpost verfasst haben. Daher solltet ihr jetzt unbedingt seinen Artikel, also den ersten Teil, zu diesem besonderen Thema lesen. Seinen Beitrag findet ihr hier.

15 Kommentare zu „„Als Musik noch richtig groß war…“ Teil 2

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  1. Ich finde sogar, dass Musik an Wert gewinnt, wenn man leichter daran kommt. Denn manche Musik hätte ich in den 1980er und 1990er Jahren dann halt einfach nicht zu hören bekommen. Auch wenn viele das sicher anders sehen: iTunes war eine Erlösung.

  2. Und die Geräte hatten ja am Anfang eine gute Größe, so dass man auch nicht einfach mit ihnen joggen gehen konnte. … Heute wäre vielleicht so ein Walkman wieder als Retrogerät in inkl. Toaster oder so.

  3. Einige Formate kann ich nicht mehr abspielen. Ich habe viele alte Bänder. Schade. Einen Kassettenrecorder habe ich geerbt, doch die Kassetten sind nicht mehr das, was sie einmal waren: sie jaulen, weil sich die Bänder gedehnt haben. CSs werden sich vielleicht länger halten. Doch die Musik, die mir etwas bedeutet, die habe ich im Kopf.

  4. Ich gehöre zu der Generation, die schon in den 70er Jahren Musik gehört hat. Also ich halte die heutige Entwicklung für einen Riesengewinn. Ich kann in Nostalgie schwärmen und mir alte Schinken anhören oder problemlos neue Dinge entdecken. Früher hatte man ja nur die Möglichkeit, Musik der Freunde zu teilen. Heute kann man weltweit Trends verfolgen. Ich höre bspw. gern japanische Rockmusik, die hätte ich vor Youtube wahrscheinlich nie kennengelernt.

  5. Die Bedeutung, die die Charts (wir sagten noch Hitparade) in den 80er Jahren noch hatten, sind heute gar nicht vermittelbar. War eine tolle Zeit: PLAY-REC drücken und auf PAUSE schalten und wenn dann nach Tagen des Wartens endlich das Lied kam, die PAUSE gelöst wurde und der Mitschnitt erfolgte… *ahh, wunderbar*
    Meine Kassetten-Sammlung hat irgendwann so um das Jahr 2000 einen jähen Abbruch erlebt. Hatte keine Zeit mehr für Radio. Der PC bekam seine ersten Lieddateien. Die wilden Anfänge der 2000er Jahre mit Plattformen, an deren Namen ich mich nicht einmal mehr erinnere.
    Und Youtube ist natürlich ein Wahnsinn. Du hörst ein Lied in irgendeiner Serie. Tippst eine Liedzeile ein oder suchst gleich den OST und du hast ALLES…

  6. Witzig, in einer meiner Projektarbeiten, an denen ich gerade schreibe, habe ich genau dieses Thema angeschnitten 😀 Ich finde diese breite Auswahl echt toll, habe aber auch das Gefuehl, dass die Wertschaetzung an Musik dadurch verloren geht, besonders bei den jungen Generationen, die es anders nicht kennen.

  7. Ach ja…früher habe ich mir eine CD-Album gekauft, weil ich EIN Lied darauf gut fand. (Ganze Stapel meiner alten CDs sind vor kurzer Zeit bei einem Wasserschaden draufgegangen.) Das waren noch Investitionen. Aber ich genieße die heutige Zeit – und schätze die Musik immer noch sehr!

  8. Ich bin leider zu jung, um das mit den 70er oder 80er Jahren beurteilen zu können :D, habe jedoch einen recht altmodischen Musikgeschmack und finde die Musik von früher eindeutig zu großen Teilen besser! Es hatte alles mehr tiefe und klang nicht – wie heute recht oft – ziemlich gleich. Deshalb finde ich schade, dass heute viele kaum noch etwas von z.B ACDC wissen und nur noch das, was gerade in dem Charts ist in Endlosschleife gehörte wird, bis etwas anderes die Nummer 1 ist und man das in Endlosschleife hört. :/

  9. Ich sehe das auch zweischneidig – bin ich doch über Spotify und die Möglichkeit, schnell überall rein hören zu können, doch sehr froh. Andererseits vermisse ich, wie ich mir früher ab und an Lieder schwer „verdienen“ musste und mir die Songs dann auch mehr bedeutet haben: Man sah einen Ausschnitt auf MTV oder gar VH1, nirgendwo stand, wie der Song heißt, keine App, die sagte, was läuft. Man nervte wochenlang Leute mit „Kennst du das Video, wo der eine herumrennt und …“ oder sang ihnen was vor. Irgendwann der erlösende Moment, wenn die Auflösung kommt. Diese Geschichten bleiben ewig hängen – ein „Hab ich schnell mal bei Spotify angeklickt“ nicht unbedingt.

  10. Ich finde, das ist wie immer ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es super, jederzeit nahezu unbegrenzt auf alles im Majorbereich zugreifen zu können (Indielabelzeug braucht auch heute noch Aufmerksamkeit und Recherche), andererseits scheint mir vieles dadurch auch beliebiger geworden zu sein. Es ist heute schwerer Perlen wie Space Oddity von David Bowie, White Rabbit von Jefferson Airplane oder andere Ausnahmestücke zu entdecken, gerade weil sie in einer schier unüberschaubaren Masse untergehen. Und ich nehme an, dass auch heutige Stars teilweise wirklich erstaunliche, hörenswerte Lieder schreiben und einspielen. Ich bekomme das nur nicht mehr mit.
    Und leider wird man wohl nie wieder stundenlang an einem Mixtape für einen guten Freund oder die Angebetete rumbasteln. Das war schon schön- Playlists sind da einfach kein Ersatz.

  11. Ich höre zwar CDs und auch digitale Musikdateien, aber die Aufnahme sind alle vor den 80ern.
    Da war die Musik eindeutig besser und nicht so seelenlos und beliebig wie später…

  12. Einerseits ist die Sache mit den MP3s toll, da man sie alle mal eben in ne Playlist packe und auf den iPod ziehe. Andersrum vermisse ich auch die Zeit, in der ich dann 5 Stunden vor meiner Anlage saß und Tapes für meine bessere Hälfte aufgenommen habe. Die Qualität der CDs bzw. erst recht der MP3s sind bei weitem nicht so toll wie das Knacken der Vinyls…

  13. Ich bin ein Kind der 90er und auch noch mit CD-Player rumgelaufen. Wie andere hier schon schreiben: Auf der einen Seite ist es für die breite Masse einfacher sich eine breite Masse an Songs (teilweise automatisch) aufs Ohr zu geben. Mehr oder weniger ohne Sinn und Verstand. Ich persönlich wehre mich gegen iTunes etc., wenn ich eine interessante Band höre (durch Hörproben bei Youtube etc.), dann hole ich mir auch die Platte. Mag bei mir auch daran liegen, dass ich selbst Musiker bin, wenn auch nicht in irgendeiner Art kommerziell, und mir deswegen denke, dass diese Arbeit entlohnt werden muss. Auf der anderen Seite hat man durch den enormen Wandel eben auch die Möglichkeit „Perlen“ zu finden. Teilweise können auch Leute oder kleine Bands Songs in annehmbarer Qualität aufnehmen, weil es eben mittlerweile relativ einfach geht. Ein gutes, relativ aktuelles Beispiel sind die Lumineers, die über interessante (Video-) Aufnahmen erst so richtig auf sich aufmerksam machen konnten.
    Btw.: Wer den Titelsong zu diesem Beitrag hören möchte, der höre sich „Als Musik noch richtig groß war“ von Olli Schulz an. Behandelt irgendwo das gleiche Thema, nämlich Wertigkeit, aber auf einer etwas anderen Ebene.
    Gruß

  14. Ich persönlich finde es gut, dass man heutzutage einfacher an die Musik herankommt. Ich liebe es bei Spotify einfach mal bei Bands reinzuhören die ich mir früher nicht angehört habe. Und so entdecke ich auch immer mal wieder etwas Neues. Das hält mich aber auch nicht davon ab trotzdem mal im Plattenladen zu stöbern. Und wenn ein Album mir richtig gut gefällt erwerbe ich es trotzdem noch auf Vinyl oder CD und höre es mir nicht nur übers Web an. Von daher finde ich die Entwicklung eigentlich sehr gut.

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